Deutsche Sprache – Männersprache?

Reihenfolge: 
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In den letzten Jahren stoßen Leser*innen immer häufiger auf das sogenannte Binnen-I. So ist in dieser Broschüre nicht von "den Lesern" die Rede, sondern von LeserInnen, Leser_innen oder Leser*innen. Gleichzeitig hört mensch zunehmend Beschwerden über diese Schreibweise: Sie wäre zu umständlich, schwer verständlich und/oder grammatikalisch nicht richtig. Von Zeit zu Zeit ertönen auch Stimmen, die es lächerlich finden, dass nach Jahrzehnten der Frauenrechtsbewegung dies das Resultat sein soll? Ein I? Selbstverständlich dürfen feministische Forderungen nicht beim Binnen-I stehen bleiben. Warum die Forderung nach, sowie die Verwendung von diesem I, dennoch von gesellschaftlicher Bedeutung ist, soll im Folgenden dargestellt werden:

Um die Diskriminierung von Frauen in der Sprache zu verstehen, muss mensch sich zuerst mit der Bedeutung von Sprache für eine Gesellschaft auseinandersetzten. Sprache ist mehr als ein bloßes Mittel, um sich auszudrücken, sich mitzuteilen oder zu quatschen. Unsere Sprache bestimmt unsere Denkstruktur, sie beeinflusst Weltanschauungen und Wertvorstellungen. Sprache bildet unsere Wirklichkeit ab, indem wir sie zur Beschreibung dieser benutzen, aber Sprache schafft auch Wirklichkeit. Dieser doch recht komplizierte Punkt soll anhand folgenden Beispiels verdeutlicht werden: Bei dem Satz "Mechaniker reparieren Autos" entsteht in unserem Kopf das Bild von Männern (in Blaumännern), die Autos reparieren. Auch wenn Frauen "mitgemeint" sind, entsteht das Bild von Männern. Verwenden wir nun geschlechtssensible Sprache und schreiben "Mechaniker*innen reparieren Autos", dann denken wir plötzlich auch an Frauen. Sprache steuert also unser Bewusstsein.

Dabei geht es um mehr als Political Correctness. Der Wandel und die bewusste Gestaltung von Sprache ist notwendiger Teil eines gesellschaftlichen Wandels und einer bewussten Gestaltung unserer Welt! Nach wie vor herrschen in unserer Gesellschaft patriachal-sexistische – also männlich dominierte – Verhältnisse, die in der Sprache ihren Niederschlag finden.

Mit der Verwendung des generischen Maskulinums, der aussließlichen Verwendung von männlichen Formen, werden Frauen sprachlich ignoriert und verdrängt. Sowie sie über Jahrhunderte aus dem öffentlichem Raum gedrängt wurden und auch heute oft noch werden, werden sie aus der Sprache verbannt. Gleichzeitig wird von "dem Männlichen" als "dem Normalen" ausgegangen, Frauen werden "mitgemeint" oder – zumindest grammatikalisch – als das "Besondere", die "Ausnahme" von der männlichen Regel angefügt.

Dort wo weibliche Formen die sprachliche Norm bilden, wird der gesellschaftliche Platz, der Frauen zugewiesen ist, nur allzu deutlich: Hausfrau, Putzfrau, Krankenschwester, Prostituierte, Zimmermädchen usw. Bezeichnend ist, dass es grammatikalisch oft nicht möglich ist, aus diesen Worten die männliche Form abzuleiten. Vielmehr müssen hierfür neue Begriffe gebildet werden: Statt von Putzmann ist so von Putzkraft die Rede. Aus dem Krankenbruder wird der Krankenpfleger. Weites werden Frauen bei Worten wie "man", "jemand", "niemand" sprachlich ausgeklammert. Sexistisch ist Sprache auch dort, wo Frauen verniedlicht werden, wie bei Mädchen oder Fräulein.

All dies sind Beispiele dafür, wie Frauen sprachlich und gesellschaftlich diskriminiert werden. Um diesen Mechanismen zumindest sprachlich entgegen zu wirken, gibt es Auswege: Einer ist das bereits erwähnte Binnen-I (StudentInnen, Student*innen, Student_innen). Ebenfalls ist es möglich beide Formen zu gebrauchen (Studenten und Studentinnen), oder, wo möglich, eine völlig geschlechtsneutrale Schreib- und Sprechweise zu verwenden (Studierende). Um sprachlich gesellschaftliche Bilder und Rollenvorstellungen aufzubrechen, ist es zudem sinnvoll, bei fiktiven Erzählungen bewusst die weibliche bzw. die männliche Form zu benutzen ("Es waren einmal eine Ingenieurin und ein Kindergärtner...").

Zudem sollten Ausdrucksweisen, die Frauen verniedlichen, in eine passive Rolle drängen, sowie (sexuell) übergriffige Sprache bewusst vermieden werden. Ein oft verwendeter sexuell übergriffiger Ausdruck ist zum Beispiel "ficken", wenn er synonym zu "etwas kaputt machen" oder "es einem*einer so richtig zeigen"verwendet wird. Wenn ein Wort, dass eigentlich einen intimen, freudvollen Akt zwischen zwei (oder mehr) Menschen bezeichnet, als Drohung ("Ich fick dich/den/die...") gebraucht wird, liegt dem ein zumindest auf sprachlicher Ebene problematisches Bild von Sexualität zugrunde. "Ficken" als Akt der Unterdrückung oder Zerstörung, mit einer Person in der aktiven und einer anderen Person – der oder die "Gefickte" – in der passiven Rolle hat leider eine lange gesellschaftliche Tradition. Fast immer sind dabei Männer in der aktiven Rolle und Frauen in die passive Rolle gedrängt. Derartig problematische und destruktive Bilder gilt es aufzubrechen oder zumindest nicht weiter fortzuschreiben, indem mensch diese Bilder und Ausdrucksweisen hinterfragt.

Freilich gibt es auch berechtigte Kritik am Ansatz geschlechtersensibler Sprache: So scheint die Verwendung von Binnen-I und Co. die Zweigeschlechtlichkeit unserer derzeitigen Gesellschaft noch zu stabilisieren. Menschen werden sprachlich in Männer und Frauen eingeteilt, es bleibt kaum Platz für inter-, trans- oder queersexuelle Menschen. Um diesen Platz symbolisch zu schaffen, können für all jene, die sich weder Studenten, noch Studentinnen zuordnen wollen, Sternchen (*) oder sogenannte Gender Gaps (_) verwendet werden (Student*innen, Student_innen).

Dabei geht es, wie bereits erwähnt, nicht darum, sich einen Anstrich der political Correctness zu geben. Vielmehr drückt die bewusste Verwendung von Sprache eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen aus. Dort, wo sie auf Verstörung und Protest stößt, erscheint ein derart bewusster Umgang mit Sprache um so wichtiger.

Kommentare

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allein dass hier schon steht

allein dass hier schon steht welche Beiträge alles gelöscht werden...mh da fühlt man sich schon diskriminiert, obwohl ihr gerade das ja vermeiden wollt! auch wenn der beitrag hier schon etwas älter ist, ihr setzt das grammatikalische geschlecht mit dem biologischen gleich, aber das stimmt nicht! Im Deutschen ist es "die geisel", im franz. männlich/weiblich, im russischen männlich.."der Mensch" ist im franz- "la personne"...die bestimmten artikel zeigen nicht das biologische Geschlecht an. Und auch wenn es nun "Leser*innen" heißt, es sind immer noch (grammatikalisch) DIE "Leser*innen", na da könnte man ja gleich alle Artikel ändern. Sprache beeinflusst unsere Denkstrukturen? Vielleicht sind es eure Denkstrukturen die nicht zu einer modernen Gesellschaft wie unsere passen? Wir können anfangen überall etwas an der Sprache zu verändern, sie zu zerstückeln und sie zu formen...nur weil wir uns diskriminiert fühlen. Wer denkt dass die deutsche Sprache (und folglich auch viele andere Sprachen) bewusst diskriminierend ist der sollte vielleicht seine Kraft darauf verwenden andere Fortschritte zu bewirken. Denn das "Anti-Männersprache-Projekt" bringt nicht wirklich Gleichberechtigung. Es ist die Frage, was gab es zu erst Gedanken oder Sprache? Es sind unsere Gedanken die die Sprache interpretieren und sie (falsch) auslegt...für mich ist die Argumentationslogik hier nicht schlüssig!

öhm

im text steht doch gar nichts davon dass das jetzt das super konzept zur Gleichberechtigung wäre … dazu gehört schon mehr und das glaube ich wird den Autor*innen wohl bewusst sein (hoffe ich?)

Das Denken (Denkstrukturen halte ich für einen verfehlten Begriff) jedes Menschen wird durch seine sozialisation und unter anderem seine dadurch häufig unbewussten Emotionen bestimmt und in einer patriachalen Welt wird das Geschlecht erzogen und es gibt diverse Stereotypen wie sich, je nach "biologischen Geschlecht", der Mensch zu Verhalten hat bzw. welchen Stand er in der Gesellschaft hat. Da spielt die Sprache sehr wohl eine Rolle. Frauen wurden bzw. werden immer noch oft konsequent aus der Sprache und somit aus der bewussten wahrnehmung gestrichen.

sprache ändert sich nunmal

sprache ändert sich nunmal ständing... lies mal einen brief von vor 100 jahren- da kommen jede menge formulierungen und wörter vor, die heute kein mensch mehr verwenden würde.

sprache bildet gesellschaft ab - und umgekehrt. wenn wir was ändern wollen auf der welt, is eine möglichkeit dazu eben auch die sprache zu ändern, auch wenns anfangs vielleicht ein bisi komisch oder ungewohnt wirkt!

Wie gedenkt man hier nun

Wie gedenkt man hier nun vorzugehen?

Möchte man hier die Deutsche Sprache umändern? Tradition kann man nicht ändern. Das wird so für immer bleiben, damit müßt Ihr euch leider abfinden.

uii…

da ist wohl irgendwer im 19. Jahrhundert hängen geblieben … wenn sich Tratition nicht verändern würde, dann wären wohl nicht soviele Leute aus der Kirche ausgetreten, dann hätte es die neue deutsche Rechtschreibung wohl auch nicht gegeben … ist aber scheinbar in deinem reaktionären Kammerl an dir vorbei gegangen.

Soso...

Klingt nach einem Wittgenstein-Crash-Kurs. ; )

 

Ich finde das Binnen-I einfach unelegant, außerdem ist es in der gesprochenen Sprache schwer als solches auszumachen.

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